Die Mechanisch-Biologischen Müllbehandlungsanlagen in Buchen und Heilbronn gelten zwar als innovativ, sind aber dennoch an technischen Mängeln gescheitert. Jetzt hat der Energiekonzern EnBW die Notbremse gezogen.
(08.06.07) Euphorisch klangen die Worte in den Hochglanzprospekten des Betreibers T-plus GmbH mit Sitz in Ettlingen und hoffnungsvoll die Statements der zuständigen Landkreis-Politiker, als am 1. Juni 2005 die Mechanisch-Biologische Abfallanlage (MBA) in Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis in Betrieb ging, dem Stichtag des bundesweiten Deponieverbotes für unbehandelten Restmüll. "Dies stellt eine bedeutende Änderung für die Abfallwirtschaft des Landkreises dar, und der Landkreis hat gleichzeitig für die nächsten 15 Jahre Entsorgungssicherheit", so die damalige Aussage des Landrats des Landkreises Ludwigsburg Dr. Rainer Haas anlässlich einer Besichtigung der MBA im April 2005. Und T-plus schreibt in einem Imageprospekt: "Zuverlässige und leistungsfähige Anlagen sind die Basis für eine sichere Entsorgung". Jetzt, nach nicht mal zwei Jahren Betriebszeit, ist das Aus für die Anlage beschlossene Sache.
Die MBA arbeitet nach patentierten ISKA-Verfahren und sollte es ermöglichen, Wertstoffe unterschiedlichster Beschaffenheit aus dem Restmüll abzutrennen und einer Verwertung zuzuführen. Auch Abfälle mit einem hohen Organikgehalt sollten für eine Behandlung nach dem ISKA-Verfahren geeignet sein. Doch die Kette der technischen Probleme war endlos. Eigentlich war die Anlage in Buchen zur Behandlung von jährlich 151.000 Tonnen an Hausmüll ausgelegt und sollte Entsorgungssicherheit für 1,2 Mio. Einwohner der Landkreise Ludwigsburg, Rottweil, Schwäbisch-Hall sowie dem Enzkreis und dem Neckar-Odenwald-Kreis bieten. Doch schon bald nach Beginn des Probebetriebes begannen die Probleme: Nach Angaben der Landesregierung Baden-Württemberg lösten sich schon nach wenigen Wochen die an den Antriebswellen der Perkolatoren aufgeschraubte Flügel, was zu einem Totalausfall der Perkolatoren führte. Als dann die Forschungs- und Materialprüfungsanstalt für das Bauwesen, Otto-Graf-Institut der Universität Stuttgart (FMPA) eingeschaltet wurde, stellte diese auch an weiteren Anlagenteilen Alterungsprozesse im verwendeten Stahl fest.
Ein zweites großes Ärgernis waren die Geruchsbelästigungen. Die gesamte Abluft der MBA muss über eine Abluftbehandlungsanlage gereinigt werden, wobei die hochbelastete methanhaltige Abluft aus der Rottehalle dabei über eine so genannte RTO-Anlage (regenerative thermische Oxidation) geführt wird. Die RTO-Anlage besteht aus zwei Linien, die unabhängig voneinander gefahren werden können. Und beide Linien fielen wegen Korrosionsschäden an den Steuerklappen, hervorgerufen durch oxidierbare Siliziumverbindungen (Siloxane), aus. Des Weiteren konnte die RTO-Anlage in Zeiten geringen Methangasanfalls mangels Stützfeuerungsmöglichkeit nicht betrieben werden. Die ungereinigte Abluft aus der Rottehalle trat diffus aus und führte in der Umgebung zu den Geruchsbelästigungen. Hinzu kam, dass das Ablagerungsprodukt ,Geostabilat' die nach der Abfallablagerungsverordnung vorgeschriebenen Werte nicht einhielt. Und damit nicht genug: Die Rückführung des Prozesswassers in den Rotteprozess beeinflusste diesen negativ und führte zu weiteren Geruchsbelästigungen.
Schon nach einem Jahr Probebetrieb musste die MBA Buchen saniert werden, und die T-Plus GmbH, Betreiber der MBA in Buchen, vereinbarte mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe die Reduzierung der Durchsatzmenge auf 70 Prozent bis zum Jahresende 2006. Zwar wurden die bisher identifizierten technischen Ursachen für die üblen Gerüche bis Ende Juni 2006 erfolgreich beseitigt, doch die Geruchsbelästigungen der Anwohner in der näheren Umgebung wollten nicht abnehmen. Im Auftrag des TÜV bekamen fünf getestete und geprüfte Probanden die Aufgabe, an 26 Messtagen an fünf definierten Messpunkten rund um die MBA Buchen Gerüche zu erschnuppern und zu dokumentieren. Über drei Monate hinweg wurden durch die ,geeichten Nasen' Gerüche aufgenommen, bestimmt und den möglichen Emittenten zugeordnet, und das bei jedem Wetter. Inzwischen hatte sich der Wind gedreht, zumindest im Gemeinderat der Stadt Buchen.
Nach einem Bericht der Fränkischen Nachrichten im Mai 2006 meinte SPD-Stadtrat Volker Schwender, dass in der Theorie die Anlage zwar Spitze sei, aber in der Praxis stinke sie zum Himmel. Er forderte die sofortige Stilllegung der Anlage. So weit wollten die Genehmigungsbehörden dann doch nicht gehen. Auf eine Kleine Anfrage der SPD antwortete Umweltministerin Tanja Gönner, dass mit Bescheid vom 18.12.06 verfügt worden sei, den Durchsatz auf 50 Prozent zu verringern, um Gerüche weiter zu reduzieren und eine genehmigungskonforme Verlängerung des Probebetriebs zu ermöglichen. Insbesondere sollte damit der Behandlungsprozess des Geostabilats in einer Intensivrotte also in der geschlossenen Anlage abgeschlossen werden können anstatt im Freien.
Die technischen Probleme in der MBA in Buchen glichen denen der MBA in Heilbronn, die ebenfalls zur EnBW gehört und von T-plus betrieben wurde. Auch sie wurde umfangreich saniert. Doch jetzt hat der EnBW-Vorstandsvorsitzende Prof. Utz Claassen die Notbremse gezogen, nachdem offensichtlich 10 Mio. Euro für die Sanierung der MBA Buchen wirkungslos blieben. "Eine wirtschaftlich tragbare technische Sanierung der Anlage war nicht mehr darstellbar". Es wurde vereinbart, die Anlage noch in diesem Jahr zu schließen. Damit hat EnBW nur kurze Zeit nach der Schließung der MBA in Heilbronn, die ebenfalls nach dem ISKA-Prinzip funktionieren sollte, auch in Buchen für "reinen Tisch" gesorgt und dabei auch die MBA-Betreiberfirma T-plus, früher ein Tochterunternehmen von U-plus, jetzt direkt dem Mutterkonzern EnBW unterstellt. Letztlich wurden an beiden Standorten rund 80 Mio. Euro in den Sand gesetzt, davon 50 Mio. in Buchen. Seit Februar wird an beiden Anlagen kein Müll mehr angenommen, die Schließungen werden vorbereitet. Ab sofort wird der Müll für die beiden MBA in anderen Anlagen - in der Regel MVA - entsorgt.
Copyright: | © Deutscher Fachverlag (DFV) |
Quelle: | Juni 2007 (Juni 2007) |
Seiten: | 3 |
Preis: | € 0,00 |
Autor: | Dr. Martin Mühleisen |
Artikel nach Login kostenfrei anzeigen | |
Artikel weiterempfehlen | |
Artikel nach Login kommentieren |
carboliq® - Direktverölung gemischter Kunststoffabfälle
© Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie GmbH (4/2025)
Die Forderung nach Klimaneutralität dominiert die globale Diskussion über die Zukunft der Industriegesellschaft. Damit einher geht auch die Frage, wie der
Umgang mit Kunststoffen in Zukunft erfolgen wird.
Nutzungskonflikt zwischen Carbon-Capture-Anlagen und Fernwärme?
© Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie GmbH (4/2025)
Die EEW Energy from Waste GmbH (EEW) hat sich das Ziel gesetzt, bis 2045 klimaneutral zu werden. Mit 17 Standorten verfügt EEW über eine Verbrennungskapazität von ca. 5 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr.
Abfall- und Kreislaufwirtschaft in Deutschland im internationalen Vergleich - Spitzenplatz oder nur noch Mittelmaß?
© Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie GmbH (4/2025)
Neben der Umstellung der künftigen Energieversorgung auf ein zu 100 % erneuerbares Energiesystem ist die Abfall- und Kreislaufwirtschaft die zweite zentrale Säule im Rahmen der globalen Transformation in eine klimaneutrale Wirtschaft und Gesellschaft.